Protest à la Mörfelden-Walldorf

Das Aufbegehren gegen den Ausbau des Flughafens bewegte eine ganze Stadt

DEMONSTRATION gegen die Startbahn 18 West auf der Großen Düne an der Okrifteler Straße, 1979. (Foto: Keber)

Das hätten nur wenige gedacht: Bundesweit kam Mörfelden-Walldorf in die Schlagzeilen. Dies war Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre so beim Konflikt um die Erweiterung des Rhein-Main Flughafens im Allgemeinen und die Startbahn West im Besonderen. Denn hier vor Ort hatte der schlagzeilenträchtige Konflikt seinen Ausgangspunkt genommen – und das lässt sich nicht nur an Ereignissen, Aktionen und Demonstrationen festmachen, sondern auch an vielen Persönlichkeiten. Das reicht vom Umweltpfarrer Kurt Oeser bis zur unlängst verstorbenen Käte Raiss.

Eine Allianz von Grau- und Langhaarigen

Sie alle standen und stehen für diesen Protest, der über Parteien- und Generationengrenzen hinweg reichte, der Menschen zusammen brachte, die sich sonst nicht ohne weiteres so nah gekommen wären.
Für diese Breite des Protestes, geradezu ein Markenzeichen für Mörfelden-Walldorf, für viele das Zentrum des Aufbegehrens, steht das Schlagwort: eine Allianz von Grau- und Langhaarigen. Da muckten „brave“ Bürger ebenso auf wie Alt-68er, praktizierten Normalverbraucher ebenso wie Demonstrationserprobte bürgerlichen Ungehorsam und staatsbürgerliches Engagement der besonderen Art. Und das über viele Jahre hinweg. Dabei aber kam es nicht nur zu ungewöhnlichen zwischenmenschlichen Begegnungen, sondern entstanden auch politische Allianzen, die so manchen sich verdutzt die Augen reiben ließ.

Die Grünen gab es damals noch nicht

Dass dieser Protest vor Ort überparteilich war, dafür steht beispielhaft die Parteien-Aktionsgemeinschaft (PAAG) jener Jahre, in der SPD, CDU, FDP und die DKP zusammenarbeiteten.
Die Grünen gab es damals noch nicht. Sie entstanden später, nicht zuletzt mit dem Startbahn-West-Konflikt als Geburtshelfer. So manchem Parteistrategen auf überörtlicher Ebene trieben solche Kooperationen den Angstschweiß auf die Stirn.
In Mörfelden-Walldorf sah man dies freilich sehr entspannt. Prof. Leonhard Peez, Ehrenvorsitzender der lokalen CDU, brachte es so auf den Punkt, dass es in dieser Frage keine politischen Berührungsängste etwa mit den Kommunisten gab: Wenn der Damm breche und man sich gemeinsam bemühe, das Loch im Damm zu stopfen, dann frage er ja auch nicht, welches Parteibuch der neben ihm Stehende und Mithelfende besitze!

Kurt Oeser gab entscheidenden Anstoß

Symbolisch für diese ungewöhnliche Zusammenarbeit der Politiker vor Ort steht der gemeinsame Hungerstreik vom Oktober 1980 im Rathausfoyer Mörfelden, wo zum Auftakt Jürgen May (SPD), Leo Peez (CDU), Rudi Hechler (DKP) und Horst Preißler (FDP) ihren Protest gegen die Startbahn West artikulierten. Und wieder war Mörfelden-Walldorf überregional in den Medien präsent. 
Dass dieses erst im Zuge der hessischen Verwaltungsreform auf Gemeindeebene zum Jahreswechsel 1977 aus der Fusion der selbstständigen Städte Mörfelden und Walldorf entstandene Gemeinwesen zum zeitweiligen Zentrum des zivilen Ungehorsams gegen den Frankfurter Flughafenausbau wurde, reicht aber noch einige Jahre zuvor zurück. Zu verdanken ist das vor allem dem evangelischen Pfarrer von Mörfelden, Kurt Oeser, der als Sozialdemokrat und Stadtverordnetenvorsteher auch politisch verortet war.
Oeser gab den entscheidenden Anstoß zur Formierung der Protestbewegung mit der 1965 als allererste Bürgerinitiative ins Leben gerufene „Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms (IGF)“, später auch mit der Bewegung „Bürgerinitiativen gegen die Flughafenerweiterung Rhein-Main“.

Hütte wurde zur Keimzelle im Flörsheimer Wald

Vor allem auch aus Mörfelden und Walldorf und der späteren gemeinsamen Stadt kamen Oesers Mitstreiter. Außerdem war er fest in der Kommunalpolitik verankert und wurde in allen Parteien wertgeschätzt. 
In den 1970er Jahren dümpelte der Protest zunächst etwas vor sich hin. Es ging mit dem Flughafenausbau nicht so voran, wie es sich dessen Betreiber und politischen Freunde so gedacht hatten, bis 1980 das Hessische Verwaltungsgericht endgültig grünes Licht für den Startbahnbau gab. Doch die Protestbewegung gewann inzwischen an Zulauf und Mitstreitern. Das wurde deutlich etwa bei ersten Großdemonstrationen im Jahre 1979 an der Okrifteler Straße. Spektakulär - und dies sorgte wieder für Medienaufmerksamkeit über die Gemarkungsgrenze hinaus - war 1980 der Aufbau einer Hütte, die zur Keimzelle des Hüttendorfs im Flörsheimer Wald wurde, wo die Startbahn West gebaut werden sollte.
Erneut gab es eine Spezialität des Protestes à la Mörfelden-Walldorf zu vermerken: Tatkräftig halfen beim Hüttenaufbau nicht nur Umweltschützer aus beiden Startteilen mit, sondern sorgten auch mittelständische Handwerker für fachkundigen Aufbau. Das galt übrigens auch für die Hüttenkirche, die heute am neuen Standort am Vitrolles-Ring stehend, dem Zahn der Zeit vermutlich ob solch vorbildlicher Vorarbeit und Qualität getrotzt hat.

"Nackten"-Samstag

Mörfelden-Walldorf machte mit seinem den Blick über die Kirchturmspitze hinaus von sich reden, etwa als dort 1981 das Zentrum für das erste hessische Volksbegehren - gegen die Startbahn West - eingerichtet wurde. Dies geschah im Haus des unvergessenen Walldorfer Steinmetz-Ehepaares Käte und Walter Raiss. Auch sie zählen zu den Gallionsfiguren der Widerstandsszene - ökologisch, christlich und gewaltfrei engagiert.
Bei vielen anderen Ereignissen war Mörfelden-Walldorf mittel- und unmittelbar betroffen. Sei es beim „Nackten“-Samstag, als am 7. November 1981 Ausbaugegner/innen eine symbolische Platzbesetzung im Flörsheimer Wald vornahmen, oder bei einem Polizeieinsatz 1981 im Stadtgebiet. Immer waren Menschen aus beiden Stadtteilen dabei. Viele von ihnen sind inzwischen verstorben. Das gilt unter anderem für Mörfeldens evangelischer Pfarrer Walter Bohris, der sich auch um den Wiederaufbau der Hüttenkirche verdient gemacht hat. 
Unvergessen sind aber auch die Frauen der legendären „Küchen-Brigade“ wie Dina Scherber. Sie kochten für die Protestierenden - lecker und mit viel Humor. Sie schafften es sogar, zum Jahreswechsel 1981/82 im Wald den Protestierenden ein Drei-Gänge-Menü zu servieren.

Viele Protestler sind bis heute dabei

Ungezählt sind die vielen anderen, oft auch prominenten Mitstreiter aus Mörfelden-Walldorf. Das reicht vom in Walldorf wohnenden Schriftsteller Peter Härtling bis zum Küster-Ehepaar Hilde und Hans Lorenz, von der zu den Spontis gezählten Helga Arnold bis zum Handwerksmeister Adolf Pons, vom evangelischen Posaunenchor Mörfelden bis zu den Liedermachern Bodo Kolbe und Siggi Liersch, vom linken Politiker Jossy Oswald bis zum Journalisten und CDU-Kreistagsabgeordneten Karlheinz Kubb. Auch bei der Inbetriebnahme der Startbahn West im April 1984 waren viele von ihnen bei einer satirischen Aktion am Südende dieser Betonpiste im Mönchbruchwald dabei. 
Sie alle gaben und geben dem Protest à la Mörfelden-Walldorf über allgemeine Angaben und Zahlen hinaus ein Gesicht. Und viele von ihnen sind bis heute dabei. Denn nicht von ungefähr fand im Januar 1999 eine der ersten großen Veranstaltungen des neuen Bündnisses der Bürgerinitiativen (BBI) wieder in Mörfelden-Walldorf statt - im Bürgerhaus Mörfelden unter dem Slogan „Wir ziehen an einem Strang“.

Walter Keber
Langjähriger Redakteur
der Frankfurter Rundschau
für Mörfelden-Walldorf
und den
Kreis Groß-Gerau

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