Corona: Krisenmanager Gerd Grimberger gibt Tipps für Rituale im Alltag

Organisation ist alles

GERD GRIMBERGER (fa)

Mörfelden-Walldorf. Kontaktbeschränkung, Quarantäne, Homeoffice: Gerade jetzt während der Corona-Krise müssen viele Menschen sich und ihren Alltag neu strukturieren. Der Freitags-Anzeiger hat dazu mit Dr. Gerd Grimberger gesprochen, er ist WHO-Experte für Operative Planung, BSI-Prüfer für kritische Infrastrukturen (KRITIS), Entrepreneur, Krisenmanager. Er ist seit über 25 Jahren aktives Mitglied im Roten Kreuz in Walldorf, ausgezeichnet mit der Katastrophenschutzmedaille Bronze des Landes Hessen.

 

Herr Grimberger, das Land Hessen hat ein umfassendes Kontaktverbot erlassen, Menschen sollen zu Hause bleiben. Wie organisiert man da seinen Alltag?
Nun, für viele Menschen ist das eine neue Erfahrung und etwas „ungewöhnlich“. Die räumliche und zeitliche Einschränkung erfordert ein gesundes Maß an Disziplin und eine gute Selbstorganisationsfähigkeit. Das hängt natürlich immer von der einzelnen Person, der Größe des Haushalts und dem Terminkalender ab. Die Gelegenheit zum Einkaufen durch die verlängerten Öffnungszeiten (bis 23 Uhr) nutzen laut meiner Beobachtung bisher nur wenige Menschen. Dabei ist zu diesem Zeitpunkt so gut wie keiner mehr in Mörfelden-Walldorf unterwegs. Für die sozialen Kontakte bieten sich neben dem Telefon moderne Medien wie Skype, FaceTime oder WhatsApp an. Diese sollten nach Möglichkeit gut gewählt und zeitlich fixiert sein. Mein Ritual ist es bereits aus beruflichen Gründen, um zehn Uhr die Pressekonferenz des Robert-Koch-Institutes (RKI) einzuschalten. Je nach Wochentag gibt es noch die ein oder andere Regierungserklärung dazu. Ich fokussiere mich dabei auf vertrauenswürdigen Quellen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO, RKI und Gesundheitsämter. Es hilft keine Panikmache. Man muss kritisch sein, denn zurzeit sind viele Falschinformationen im Umlauf. Deshalb ist es wichtig den Medienkonsum in Bezug auf dieses Thema bewusst zu gestalten und sich feste Zeiten zu setzen, in denen neue Nachrichten aufgenommen oder Informationen recherchiert werden.

Wie sollte häusliches Krisenmanagement aussehen? 
Auch im häuslichen Krisenmanagement sind Hygienemaßnahmen und Etikette zu beachten. In der Haushaltswirtschaft (Waschen, Spülen, Reinigen) kann mit Hilfe des sinnerschen Kreises (Temperatur, Chemie, Temperatur, Mechanik) eine hohe Wirkungsweise erzielt werden. Insbesondere wenn mehrere Personen im Haushalt mit Kindern leben, sind Handtücher und andere körpernahen Dinge mehrmals in der Woche auszutauschen. Tägliche Rituale wie ein gemeinsames Frühstück, Nachrichten gemeinsam anschauen und reflektieren und viel miteinander reden sind dabei wichtig. Ein gut organisierter Wochenstundenplan ist dabei unerlässlich. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt in der Broschüre „Tipps bei häuslicher Quarantäne“ sich eine Tagesstruktur anzulegen. Man sollte sich kleine Ziele setzen (SMART-Regel) und die neu gewonnene Zeit mit neuen Dingen füllen. Das heißt, mal etwas Neues auszuprobieren, was man schon immer mal machen wollte. Wenn notwendig, kann man sich durch Nachbarn oder freiwillige Helfer unterstützen lassen, etwa den Einkauf erledigen lassen. Hilfe gibt es auch bei Niedergeschlagenheit bei Freunden, über die Telefonseelsorge oder andere Anrufstellen. Körperlich lässt sich auch auf engstem Raum ein Fitness-Programm absolvieren. Mental sollte man durch Lesen, Schreiben oder Denkspiele aktiv bleiben. Entspannungsübungen, wie progressive Muskelentspannung, können helfen, den Quarantäne-Stress zu mindern.

Stichwort Einkaufen: Worauf sollte man achten, sowohl was Lebensmittel, aber auch Hygieneartikel und Ähnliches betrifft?
Die Haltbarkeit von Lebensmitteln ist ein wichtiger Faktor. Allerdings sollte man weiterhin auf gesunde und frische Produkte setzen. Es gibt aber auch einige Kleinigkeiten zu beachten für Hygieneartikel. Jeder sollte nur die Menge einkaufen die er in den nächsten Tagen wirklich benötigt. Bei der derzeitigen Belastung der Abflussrohre und Kläranlagen sollten Klopapier möglichst nur zweilagig und feuchte Tücher nur in Ausnahmefällen genutzt werden.

Wie streng sollte man mit seinen vorhandenen Lebensmitteln und Hygieneartikeln haushalten?
Das BBK empfiehlt einen zehntätigen Grundvorrat von Lebensmitteln aus Getreide (Nudeln, Reis, Brot), Gemüse und Hülsenfrüchte, Obst, Milch, Fette und Zusätze (Zucker, Salz, Mehl, Honig, Marmelade). In unserer derzeitigen Situation erwarten wir aber keine Versorgungsengpässe. Wir werden weiterhin einkaufen gehen können. Die eben genannten Empfehlungen stammen aus dem Szenario Sturm, Hochwasser, Stromausfall/Blackout, bei denen es schwieriger ist, an Lebensmittel heranzukommen. Für das Toilettenpapier gibt es im Internet zwischenzeitlich sogar Webseiten die ausrechnen wie lange die Rollen bei einem fiktiven Verbrauch noch ausreichen werden.

Unter Experten herrscht die Sorge, dass es in dieser Situation vermehrt zu Streit oder sogar häuslicher Gewalt kommen könnte. Wie lautet ihre Einschätzung und was hilft im Ernstfall?

Ich bin kein Familien- oder Beziehungsexperte aber seit 20 Jahren glücklich verheiratet. Grundsätzlich sind individuelle Freiräume wichtig, gegenseitiger Respekt und Verständnis für diese besondere Situation. Die Gefühle jeden Einzelnen sind zu akzeptieren. Denn unfreiwillig in häuslicher Isolierung zu sein, kann verschiedene emotionale Reaktionen hervorrufen. Das sind normale Reaktionen auf die unnormale Situation. Man sollte eine positive Grundhaltung einnehmen und sich letztlich an Werten, die einem Halt geben (z.B. Familie, soziales Netz, Vertrauen) orientieren.

Gewalt kann auf mehrere Weisen erfolgen. seelische und körperlich. Sie entsteht in der Regel und eine explosionsartige Mischung aus negativ Botschaften und subjektiver Betroffenheit. Das endet dann mit aggressiven Verhaltensweisen gegenüber dem Botschafter. Die Kunst besteht darin negative Botschaften in der Art und Weise zu vermitteln ohne den anderen emotional zu treffen. 

Wenn es dann doch zum Ernstfall kommt können Techniken der Deeskalation helfen. Das bedeutet Stellung beziehen, personale Konfrontation vermeiden (es geht um die Sache), Trennung von Kontrahenten ermöglichen (Auszeit nehmen), aber auch sofort und eindeutig Grenzen setzen (bis hierher und nicht weiter), personale Wertungen vermeiden (Ich-Botschaften senden). Eine Einschätzung, ob eine depressive oder chaotische Gewaltkrise vorliegt ist dabei ebenso wichtig. Die Verhaltensweise dem gegenüber zu Spiegeln steht ebenfalls eine gute Methode dar. Als Laie sollte man sich allerdings frühzeitig professionelle Hilfe holen.      

Viele Menschen machen sich zunehmend Sorgen um ihre berufliche und finanzielle Situation. Kann man dem effektiv etwas entgegenbringen?

Bisher sind die wirtschaftlichen Auswirkungen schwer abschätzbar. Die Bundesländer haben millionenschwere Unterstützungspakete für die Wirtschaft verabschiedet. Grundsätzlich sollen Arbeitsplätze erhalten werden. Dazu gibt es Soforthilfen, Bürgschaftsübernahmen vom Staat, KFW-Kredite, Kurzarbeitergeld und andere Fördermöglichkeiten. Ich denke wir sind dazu in Deutschland gut aufgestellt.

Haben sie eine Erklärung, warum Klopapier und Nudeln derart gehamstert wurden?

Das ist aus kaufpsychologischer Sicht schwer zu beantworten. Bei den Nudeln wohl zum einen, weil sie lange haltbar sind. Sicherlich auch, dass man Nudeln mit Italien in Verbindung bringt (Nachschubprobleme). Dabei hat Italien versichert, dass bei der Herstellung von Nudeln zu keinem Engpass kommen wird. Schließlich sind Nudelfabriken in Italien Teil der kritischen Infrastruktur und gehören zu den kritischen Geschäften in Italien. LOL. Reis scheint nicht so interessant zu sein.

Zum Klopapier gab es in Australien und im Vereinigten Königreich eine Videobotschaft, dass Klopapier hauptsachlich aus China stammt. Das führte dort zu Hamsterkäufen. Nachdem heutzutage viele Hersteller und Lieferanten auf „Just-in-Time” (JIT) umgestellt haben (keine Zwischenlagerkosten) kommt es bei “ungewöhnlichen” Nachfragekurven bzw. Käuferverhalten immer mehr zum sogenannten Peitscheneffekt (engl. bullwhip effect, whiplash effect). Der Ausdruck bezeichnet das Phänomen, dass Bestellungen beim Lieferanten zu größeren Schwankungen neigen. Es kommt zu einer Abweichung von der Nachfrage. Diese Abweichung schaukelt sich in die vorgelagerte Richtung der Lieferkette. Die Schwankung wird also zum Ursprung der Lieferkette hin vergrößert. Der Begriff stammt aus dem Supply Chain Management und wurde in den 60ern vom MIT geprägt.

Kann man Desinfektionsmittel selbst machen und wenn ja, wie? Und ist das überhaupt nötig?

Es gibt von der WHO (zwischenzeitlich auf YouTube oder anderen Kanälen verfügbar) Empfehlungen dazu. Dazu ist generell erst einmal zu sagen, dass die Apotheken seit einigen Wochen berechtigt sind zunächst bis 31. August 2020 Desinfektionsmittel selber herzustellen. Ich möchte es keinem Laien empfehlen. Wir als Rotkreuzkräfte sind für die Anwendung von Desinfektionsmitteln (Flächendesinfektion) in Notfallsituationen geschult. Des Weiteren gibt es in den Hilfsorganisationen und bei den Gesundheitsämtern staatlich geprüfte Desinfektionen oder Hygienebeauftragte die neben dem Erstellen von Hygieneplänen, Anweisungen, Entsorgungsvorgaben auch zur Herstellung von Desinfektionsmittel befähigt wären. Dabei geht es aber um den gesundheitlichen oder klinischen Bereich. Im häuslichen Bereich ist gutes intensives Händewaschen die Empfehlung der Fachleute.      

Wie sehen sie Feuerwehren, Polizei, Notdienste wie das DRK auf die derzeitige Krise vorbereitet bzw. eingestellt?

Sehr gut. Ich denke, dass wir im Landkreis Groß-Gerau mit dem KatS-Lager (alte FF in Groß-Gerau), der exzellenten Zusammenarbeit aller Hilfsorganisationen mit der Kreisbehörde Gefahrenabwehr und der modernen Technik in jedem Falle gut gerüstet sind. Verbesserungspotential gibt es immer aber wir sind dort gut aufgestellt. Die Investitionen in die Infrastruktur, Spenden und Förderung der Hilfsorganisationen und Verbesserungen in der Abstimmung tragen nun Früchte.

Mit welchen, vielleicht auch neuen, Herausforderungen müssen diese Berufsgruppen nun zurechtkommen? 

Wir haben seit letzter Woche aufgrund der allgemeinen Verfügungen und internen Vorgaben der Organisationen alle Treffen, Übungen und Erfahrungsaustausch erstmal ausgesetzt. Das schmerzt bei diesen Vereinen die auf Kameradschaft, Vertrauen und Einsatzwille gebaut sind sehr schwer. Zwischenzeitlich bilden sich aber Gruppen die sich über Neue Medien und aus der Ferne als Virtuelle Teams darstellen. Das ist sehr wichtig um die Motivation, Einsatzbereitschaft und den Zusammenhalt aufrecht zu halten.

Wie bewerten Sie die Krisenkommunikation der Kommunen, bzw. des Kreises und des Landes Hessen?

Ich fühle mich sehr gut und umfassend informiert. Natürlich hat es ein wenig gedauert bis die entsprechenden Stellen einen Informationsdienst eingerichtet hatten. Aber seit dieser Woche gibt es zu den einzelnen Situationsberichten, Online Dienste, Dashboards, Twitter Abos noch Dienste über Threema (Land Hessen) und WhatsApp (WHO).

Was glauben sie persönlich: Worauf muss sich die Bevölkerung noch einstellen?

Ich denke das Ganze wird noch ein wenig dauern. Derzeit gehen wir von bis zu Juni 2020 aus. Aber die Lage ist so dynamisch und schwer einzuschätzen. Ich hoffe nicht, dass es zu kompletten Ausgangssperren wie in Frankreich, Italien oder Spanien kommen wird.

Das Interview führte Dirk Beutel

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