Brücke, die in die Gegenwart reicht

Gelungenes Experiment: „Nathan der Weise“ im Horváth-Zentrum aufgeführt

BLICK DURCH DIE SCHEIBEN ins Innere des Horváth-Zentrums, das zur Theaterbühne wurde. (Foto: Martin)

Mörfelden-Walldorf. Sie habe gezögert, als Stefan Pietzak vom „Theater Noster“ anfragte, ob die Gedenkstätte des KZ-Außenlagers als Theaterbühne genutzt werden könne, sagte Historikerin Cornelia Rühlig. Schließlich aber stimmte sie zu. Samstag- und Sonntagabend war es so weit: Das Theaterpublikum nahm am Ort des einstigen KZ-Außenlagers Platz.

Cornelia Rühligs Zögern war begründet: Sind Kunst und Kunstgenuss denkbar an einem Ort, an dem 1700 jüdische Mädchen und Frauen, aus Ungarn verschleppt, 1944 unter Zwangsarbeit, unter Demütigung, Gewalt, Hunger und Kälte litten? 
Rühlig, Initiatorin und Leiterin der Gedenkstätte, erklärte vor Beginn der Aufführung: „Wäre es nicht um Lessings Nathan, der Weise gegangen, hätte ich Nein gesagt. Doch weil es im Nathan um das wichtige Thema des Miteinanders der Religionen geht, denke ich: Es passt, es ist ein Experiment.“
Sie erinnerte an inhaftierte Jüdinnen, die später erzählten, wie wichtig es im Lager gewesen sei, „täglich eine Stunde Mensch zu sein.“ Rühlig: „Inmitten des Grauens war es die Kunst, die half, zu überleben. Indem sie Gedichte schrieben oder einander Gedichte vortrugen, gelang es ihnen, ihre Identität zu bewahren.“ 
Das Publikum hörte Rühligs Worte mit Demut. Stille herrschte im gläsernen Haus, das die Trümmer des einstigen Lagers umgibt. Von der Empore herab blickten die Zuschauer auf das Geröll und die freigelegten, brüchigen Mauern. 
Bereits der Weg zu dieser außergewöhnlichen Theaterspielstätte durch den Wald, wo am Abend das Kerzenlicht kleiner Laternen flackerndes Licht spendete, machte deutlich, dass dieser Theaterabend zugleich Gedenkabend an die Opfer der Barbarei sein würde.
In diesem Sinne gelang es auch der Laienspielgruppe der evangelischen Kirche Walldorf, die Würde des Ortes zu wahren. „Nathan der Weise“, Lessings 1783 uraufgeführtes Drama um Dogmatismus und Feindschaft sowie um die Chance der Freundschaft zwischen den Religionen, gewann auf dem historischen Hintergrund der hier gequälten und vernichteten ungarischen Jüdinnen enorme Tiefe. Zu Beginn des Theaterstücks heulten Sirenen eines Bombenalarms, als riefen sie nochmals die Toten als Zeugen. 
Das Ensemble agierte mit Herz, spielte mit Engagement: Unter Regie von Gernot Bach-Leucht war Stefan Pietzak der gedankenvolle Nathan, Corinna Ehmler gab den Sultan ab und Gudrun Kreisl trat als Nathans Ziehtochter Recha auf. 
Zugleich schlüpfte das Trio in weitere Rollen, benötigte kaum Requisiten und legte das Gewicht des Dramas – flankiert von gesanglichen Passagen – in die Dialoge: Im Machtkampf von Muslimen und Christen, die Juden dazwischen, ist es am Ende die Liebe, die zu Einsicht verhilft. 
Damit wurde Lessings Stück am geschichtsträchtigen Ort zur Brücke, die in die Gegenwart reicht. Denn es ging um mehr als Theater: Sinnlos ist der Streit um die „einzig wahre Wahrheit“ – vormals ebenso wie heute. Es sollte keiner sich darauf versteifen, die „einzig wahre Religion zu besitzen.“ Nathan sagte weise: „Begnügt euch doch, ein Mensch zu sein.“ Respektvoller Applaus folgte.
Die Würdigung der darstellerischen Brillanz blieb an diesem Spielort sekundär. Und auch, dass die Schauspieler, die ihre Standorte szenisch zwischen Keller und Empore der Gedenkstätte wechselten, nicht jederzeit jedem Zuschauer volle Sicht aufs Geschehen gewähren konnten, war kein Kriterium für Kritik. 
Stefan Pietzak überreichte Cornelia Rühlig am Ende des Abends Rosen zum Dank. Er sagte: „Uns liegt der Nathan am Herzen, Ihnen liegt die Gedenkstätte am Herzen. Das passt.“  (cha)

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