325-jähriges Bestehen: Stadtradel-Tour führt Walldorfer zum Stadtmuseum Neu-Isenburg

Gemeinsame Wurzeln erkundet

Claudia Battistella und Christian Kunz haben viele spannende Fakten zur Geschichte Walldorfs und Neu-Isenburgs zu erzählen.        Foto: KOCH
 

Mörfelden-Walldorf – Eine besondere Tour im Rahmen des Stadtradelns ist vergangenen Sonntag angeboten worden. Interessierte hatten die Gelegenheit, zusammen mit der örtlichen Museumsleiterin Claudia Battistella die Nachbarstadt Neu-Isenburg mit dem Fahrrad zu besuchen. Fahrtziel war das Stadtmuseum in der Löwengasse, mitten in der Altstadt und damit genau in der Keimzelle von Neu-Isenburg. Museumsleiter Christian Kunz hieß seine Kollegin und die 15-köpfige Teilnehmergruppe willkommen. Diese fuhr gewissermaßen direkt in den Trubel hinein – schließlich fand dort am Wochenende das Altstadtfest statt, welches in diesem Jahr besonders groß gefeiert wird.

Entsprechend waren auch viele Einwohner der Nachbarstädte vor Ort. Dies galt insbesondere für Besucher aus Walldorf, das bekanntlich – wie Neu-Isenburg auch – in diesem Jahr sein 325-jähriges Bestehen feiern kann. Während die Gründung Neu-Isenburgs durch die Hugenotten erfolgte, waren es in Walldorf Waldenser, die jeweils aus Glaubensgründen aus ihrer Heimat hatten fliehen müssen. Die Gewährung und die Garantie der Religionsfreiheit spielte daher für Hugenotten wie Waldenser in der neuen Heimat eine überragende Rolle.
Kunz zeigte den Besuchern in einer Führung nicht nur das Museum, sondern arbeitete zusammen mit seiner Kollegin auch zentrale Gemeinsamkeiten zwischen Neu-Isenburg und Walldorf heraus.
Sowohl der 30-jährige Krieg (1618-1648) als später auch der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697) hatten in der gesamten Region Wunden geschlagen und zu Zerstörungen sowie einem drastischen Bevölkerungsrückgang geführt. „Das hat die Gründungen wesentlich befördert“, erläuterte Claudia Battistella. Insofern hatten Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt bei der Gründung Walldorfs sowie Graf Johann Philipp von Isenburg-Offenbach bei der Gründung Neu-Isenburgs ähnliche Motive: Sie wollten Einwohner und damit auch Steuerzahler gewinnen. Hierfür waren sie auch bereit, Zugeständnisse an die Siedler zu machen, angefangen bei der Religionsfreiheit und dem Gebrauch der eigenen, französischen Muttersprache. In Neu-Isenburg wurde beispielsweise erst 1781 die erste deutschsprachige Schule errichtet.
Was aus heutiger Sicht wie ein andauernder Erfolg aussieht, war in Wirklichkeit in beiden Fällen eine wechselvolle Geschichte. „In Walldorf gab es immer wieder Ersuche an den Landgrafen, weggehen zu dürfen“, erzählte Battistella. Ein erster, signifikanter Wegzug von Einwohnern erfolgte bereits 1701 – die Bevölkerungszahl sank dementsprechend deutlich.
Erst in der Rückschau erscheint es so, als habe Walldorf einen kontinuierlichen Wachstumsprozess mit der Langstraße als Keimzelle durchlaufen, was in Wirklichkeit aber ein Auf und Ab gewesen sei. In Neu-Isenburg war es durchaus ähnlich. „Nicht nur die Hugenotten, sondern vor allem auch die Waldenser haben für die weitere Entwicklung Neu-Isenburgs eine zentrale Rolle gespielt“, erzählte Christian Kunz. Dieser wichtige Aspekt der Neu-Isenburger Stadtgeschichte sei wenig bekannt, wird die Stadt doch meistens nur mit den Hugenotten verbunden, da diese 1699 für die Gründung verantwortlich waren. „Ohne die Waldenser hätte Neu-Isenburg aber wohl keinen dauerhaften Bestand gehabt“, sagte Kunz. Die französischen Siedler stießen damals auf viel Ablehnung im Umland. Kunz führte sogar aus, dass viele der neuen Bewohner, sobald sie sich erfolgreich etabliert hatten, dann ihrerseits neue Siedler ablehnten.
Im Jahr 1815 wurde auf dem Wiener Kongress das Fürstentum Isenburg liquidiert, zu welchem Neu-Isenburg gehört hatte. Daher wurde Neu-Isenburg nun Teil des Großherzogtums Hessen, zu dem Walldorf bereits gehörte. „Heute sind wir wieder durch eine Landkreisgrenze getrennt“, so Kunz mit einem Augenzwinkern. Diese sorgt in der Tat dafür, dass Kooperationen erheblich erschwert werden.
Im 19. Jahrhundert führten Industrialisierung und Eisenbahn zu einem enormen Bevölkerungszuwachs – in Neu-Isenburg wie in Walldorf. Neu-Isenburg bekam sogar bereits 1889 die Stadtrechte verliehen, Walldorf musste darauf noch 73 Jahre länger – bis 1962 – warten. Die Gebietsreform in den 1970er-Jahren sorgte dafür, dass Neu-Isenburg erheblich größer wurde. Die Stadt blieb selbstständig, aber die bisherige eigene Gemeinde Zeppelinheim wurde ein Stadtteil Neu-Isenburgs. Walldorf verschmolz mit Mörfelden 1977 zunächst zu Waldfelden, beziehungsweise ab 1978 dann zu Mörfelden-Walldorf.
Der interessante Ausflug nach Neu-Isenburg jedenfalls habe Lust auf eine stärkere Zusammenarbeit gemacht. „Weitere Kooperationen kann ich mir gut vorstellen“, sagte Museumsleiterin Battistella.  VON ALEXANDER KOCH

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