„Es war Liebe auf den ersten Klang“

Rainer Noll ist seit 40 Jahren Kantor der Martinsgemeinde

UNGEBROCHEN ist die Begeisterung von Rainer Noll für die Orgel in der Martinskirche. Seit 40 Jahren bilden das besondere Instrument und der Kantor eine musikalische Einheit.(Foto: Tancik)

Kelsterbach. Seine Liebe zur Musik und vor allem zu einer ganz besonderen Orgel hat Kantor Rainer Noll vor vielen Jahren nach Kelsterbach geführt. Diese Begeisterung für das Instrument ist noch bis heute spürbar, selbst nach 44 Dienstjahren und 40 Amtsjahren als Kantor in Kelsterbach. Doch wer ist dieser Mann, den viele nur an der Orgel sitzend kennen, kaum zu sehen im kleinen Fenster an der Seite der Empore?
 

Rainer Noll wurde am 29. Januar 1949 in Wiesbaden geboren. Schon als Schüler begeisterte er sich für den Arzt, Theologen, Organisten und Philosophen Albert Schweitzer, und für viele Wissenschaften. Deshalb fing er zunächst an Physik und Mathematik an der Universität in Mainz und ab 1969 zusätzlich Astronomie in Hamburg zu studieren. Dort wechselte er bald zu einem Musikstudium.
So war er schon als 18-Jähriger in Italien Schüler an der Orgel bei Fernando Germani, dem ehemaligen Organisten des Petersdoms in Rom. In Frankfurt legte er die A-Prüfung ab, das Staatsexamen für Kirchenmusik. Seine Begeisterung für die Musik war groß, und besonders Orgeln faszinierten ihn. In Hamburg spielte er in den Hauptkirchen St. Michaelis, St. Nikolai und St. Petri, war oft so versunken, dass er die Zeit und das Essen vergaß. „Zehn Stunden am Stück spielen, das kam vor“, erinnert sich Noll lächelnd zurück. Konditionsprobleme habe er nie gehabt, hat bis heute keine. „Kondition ist auch eine Frage der Motivation“, findet er.
 Dann kam der Tag, an dem sich für den begeisterten Musiker alles veränderte: Im Frühjahr 1972, es waren gerade Semesterferien, fuhr er mit einem Freund in die Heimat zurück. Er bekam den Tipp, sich eine Orgel in Niederrad anzuhören, die einen besonders guten Klang haben sollte. Dort angekommen, war Noll zutiefst enttäuscht, da seine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Hier, in Niederrad, erhielt er den Hinweis auf die Orgel in St. Martin, Kelsterbach.
Kurzerhand fuhr er zur Martinskirche – und fand sie abgeschlossen vor. Er fragte sich bis zum Pfarramt durch, wo ihn die Sekretärin zu Pfarrer Wolfgang Lichtenthaeler verwies, der sich gerade in der Nähe beim Kaffee der Frauenhilfe befand. Lichtenthaeler, damals noch ganz jung, führte Noll zu der Orgel, ließ ihn das Instrument erkunden und war begeistert von Nolls Musik. Rainer Noll aber verliebte sich in das tolle Instrument.
„Es war Liebe auf den ersten Klang. Damals habe ich noch Klavier studiert“, erinnert er sich. – Pfarrer Lichtenthaeler bot ihm sofort die Stelle als Kantor an, obwohl die Bewerbungsphase noch lief. Doch Noll kehrte nach Hamburg zurück, schließlich war er noch Student, doch hielt er es in Hamburg ohne die weiße Orgel in Kelsterbach nicht lange aus. Am 1. August 1972 trat er seine hauptamtliche Stelle als Kantor in der St. Martinskirche an und wechselte nach Frankfurt zum Studium der Kirchenmusik.
Doch was zieht Noll noch heute zu dieser Orgel hin? Es ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: „...ihre Geschichte, ihr geglückter Umbau, ihr Klang und die einzigartige Raumakustik der Kirche.“
Das Instrument wurde 1823 vom bekannten oberhessischen Orgelbauer Hartmann Bernhard in Romrod erbaut, nach 125 Jahren wurde die Generalüberholung 1948 vom Orgelbaumeister Richard Schmidt aus Gelnhausen vorgenommen. Von der ursprünglichen Orgel existieren heute nur noch drei Register und die Schauseite.
Das neue Orgelwerk, für das sich Pfarrer Lichtenthaeler einsetzte, wurde 1970 von der Orgelbaufirma Förster und Nicolaus in Lich gebaut. Statt die alte Orgel zu verschrotten und durch eine elektronische zu ersetzen, wurde das neue Werk an die alten Register angeglichen und so gut integriert, dass der Unterschied nicht hörbar ist.
Die heutige Orgel ist eine bestens aufeinander abgestimmte Einheit, basierend auf der alten, bei deren Bau der Darmstädter Hoforganist Johann Christian Heinrich Rinck 1823 die Oberaufsicht hatte. Der bekannte Komponist war ein Enkelschüler von Johann Sebastian Bach.
Bach ist für Noll ein großes Vorbild, seit 35 Jahren organisiert er die Bach-Konzerte zum Todestag des Thomaskantors um den 28. Juli. Früher spielte er auch zu Albert Schweitzers Todestag am 4. September ausgewählte Stücke, doch zwischen den beiden Konzerten lag zu wenig Zeit. „Sieben, acht Jahre hatte ich sehr viel Arbeit, ich spielte nur noch, nahm keinen Urlaub, versetzte Freunde und übte zehn, elf, zwölf Stunden am Stück“, berichtet Rainer Noll.
Zu Rainer Noll gehört auch sein großes Pensum an Arbeit außerhalb seiner Gemeinde.Er unternahm viele Reisen, hielt Vorträge, spielte unter anderem in den USA und vielen europäischen Ländern, war Gründungsmitglied der „Wissenschaftlichen Albert-Schweitzer-Gesellschaft“, arbeitete als Dirigent mit verschiedenen Chören und Orchestern und ist seit 1974 Dozent für Orgel, Klavier und Theorie an der Musikschule in Kelsterbach.
Nolls Konzerte wurden alle live mitgeschnitten, so auch die Bach-Konzerte, und manchmal hört er sich die Aufnahmen an und staunt über den Klang der Orgel und das gleichbleibend gute Niveau der Interpretation, bewundert das vollendete Zusammenspiel zwischen einem echten Künstler und einem wunderbaren Instrument.
Für das 35. Bach-Konzert am Sonntag, dem 29. Juli, ab 20 Uhr in der Martinskirche, hat Rainer Noll etwas ganz besonderes geplant. Gemeinsam mit den Solisten des „Main-Barockorchesters Frankfurt“ soll Bachs „Musicalisches Opfer“ aufgeführt werden, das das spannungsgeladene Zusammentreffen zwischen dem alten Bach und dem jungen Friedrich dem Großen erzählt.
Rainer Noll ist der Stadt Kelsterbach sehr verbunden. Gab es früher aus Kostengründen bei den Bach-Konzerten nur Noll und seine Orgel zu hören, kann er heute mit der finanziellen Unterstützung der Stadt auch bekannte Solisten und Orchester einladen.
Eine kleine Besonderheit weist das Konzert am kommenden Sonntag auf. Rainer Noll kann danach sein 40-jähriges Amtsjubiläum begehen, mit einem kleinen Umtrunk. Nach 40 Jahren sieht er dem Ende der aktiven Kantorlaufbahn entgegen. In 18 Monaten geht er in Rente.
Was hat einen Mann, der so talentiert und begeisternd ist wie Rainer Noll, in einer Arbeiterstadt wie Kelsterbach gehalten? Wie konnte er sein Niveau all die Jahre halten und steigern? „Ich habe inneren Reichtum gewonnen, statt den Ruhm der Welt zu suchen. Wenn das Umfeld aber nicht mit wächst, wird es allerdings einsam vor Ort“, bedauerte Noll doch etwas wehmütig. (nta)

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