Billigflieger und Würstemacher

Beim traditionellen Andreasgelage stehen Frankfurter Unorte im Mittelpunkt

KUTSCHFAHRT IM NEBEL: Alfred Roßkothen holte die Frankfurter Ehrengäste, darunter Bürgermeister Uwe Becker (rechts), vom Kelsterbacher Eisernen Steg ab und brachte sie zum Andreasgelage im Fritz-Treutel-Haus. (Foto: Postl)

Kelsterbach (pos). Wer lenkt seine Pferdekutsche so spät durch Kelsterbach bei Nebel und Nacht? Es ist Alfred Roßkothen, der den Frankfurter Gästen seine Aufwartung macht.

Seit vielen Jahren holt der Raunheimer Kutscher die „Herren von Forst und Obrigkeit“ aus der benachbarten Großstadt Frankfurt mit seinem Gefährt vom Kelsterbacher Eisernen Steg ab, um sie zum traditionellen Andreasgelage zu bringen. 
Die nunmehr 52. Auflage der Veranstaltung fand wieder an gewohnter Stelle im Fritz-Treutel-Haus statt – nachdem vor einem Jahr in der „Diaspora“ der Mehrzweckhalle Nord gefeiert werden musste, wie es der Vorsitzende des veranstaltenden Volksbildungswerks (VBW), Hartmut Blaum, bezeichnete. Jörg Ritzkowski, Kelsterbachs „ältester Schöff“, zeigte dem Kutscher aber den richtigen Weg durch die in Dunkelheit und Nebel liegende Untermainstadt.
Neben Frankfurts Bürgermeister und Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU) fanden noch Tina Baumann, Leiterin der Abteilung Stadtforst, sowie ihr Stellvertreter, Peter Rodenfels, in der offenen Kutsche Platz. Zum Empfang der Gäste am Fritz-Treutel-Haus durch Bürgermeister Manfred Ockel, die Stadtverordnetenvorsteherin Helga Oehne und dem Ehrenvorsitzenden des VBW, Bernhard Wiegand, setzten die Lämmerspieler Jagdhornbläser mit der „Theresienfanfare“ einen musikalischen Glanzpunkt.
In der warmen Stube des Bürgersaals folgte die offizielle Begrüßung, zu der sich noch die beiden Landtagsabgeordneten Kerstin Geis (SPD) und Sabine Bächle-Scholz (CDU) sowie Landrat Thomas Will (SPD) eingefunden hatten. Aber auch der edle Ebbelwoi-Spender Gerhard Nöll sowie Frankfurts bekannter Stadtführer Christian Setzepfandt waren unter den vielen Gästen auszumachen.
Setzepfandt war als diesjähriger Festredner eher dienstlich verpflichtet worden, er sollte einige seiner 101 Unorte, die er in Frankfurt, aber auch in der Region entdeckt hatte, in seinem Vortrag vorstellen. Parallel dazu hatte das VBW die Kelsterbacher zu einem Fotowettbewerb aufgerufen, Unorte in der Untermainstadt zu fotografieren. Die Ausstellung im Foyer war ein unübersehbarer Beleg dafür, dass es reichlich davon gibt.
In seiner Rede verwies Bürgermeister Ockel auf Kelsterbacher Unorte, vor allem jene, auf denen immer mehr massenhaft abgestellte Kleintransporter von Amazon und Co. zu sehen sind. „Der Verkehr in der Region ist ein unübersehbares Problem, aber es gibt dabei Dinge, die ich so nicht verstehe“, zielte Ockel sowohl auf die Sprinter-Flotten der Lieferunternehmer, aber auch auf den Bau des dritten Terminals ab. „Dass man den Flughafen Frankfurt wettbewerbsfähig halten muss, ist ja noch einzusehen, aber ein Terminal nur für Billigflieger, das erschließt sich mir überhaupt nicht“, sagte der Rathauschef.
Ockel sah eine besondere Herausforderung in der Umsetzung von Verkehrsprojekten im Rhein-Main-Gebiet. Über zehn Jahre Planung und dann noch einmal zehn Jahre für den Bau einer Regionaltangente, das könne man sich künftig nicht mehr leisten, so Ockel. Da helfe auch die Kutsche nicht weiter, wenn es um Fahrverbote in Frankfurt gehe, fand der Bürgermeister.
Aber Ockel hatte auch lobende Worte parat. Diese galten insbesondere VBW als Bewahrer von Traditionen und zahlreichen Veranstaltungen. Es sei nicht selbstverständlich, dass dies alles von einem ehrenamtlich geführten Verein gestemmt werde, sagte der Bürgermeister.
Sein Frankfurter Amtskollege und Stadtkämmerer Becker, der bekanntlich mit einer Kelsterbacherin verheiratet ist, lobte ebenfalls das Volksbildungswerk als „Hüter einer wichtigen Tradition“. „Damals war es nicht so wichtig, wer was und wie viel gibt, sondern dass man in Freundschaft miteinander feierte – und so soll es auch heute sein“, betonte Becker.
Er forderte beide Städte auf, sich zum Vorteil der Region einzubringen und verwies auf einen nötigen S-Bahn-Ring um Frankfurt herum. „Bei unterschiedlichen Meinungen sollte es aber dennoch ein gemeinsames Ziel geben“, sagte der Frankfurter Bürgermeister und nannte neben dem Thema Mobilität auch den Wohnungsbau als Herausforderung für die Politik. „Das Andreasgelage ist eine wichtige Brücke zwischen zwei recht unterschiedlich großen Städten, aber mit denselben Problemstellungen“, sagte Becker abschließend.
Einen denkwürdigen Auftritt hatte der Volkschor, der die Gäste zunächst mit einem schräg klingenden „Ein Heller und ein Batzen“ der Männer überraschte. Die Damen machten es da mit „Im Frühtau zu Berge“ wesentlich besser. „Ich muss mich entschuldigen, die konnten sich nicht auf ein Lied einigen“, begründete Chorleiter Andreas Stein die unüberhörbaren Dissonanzen. Dann zeigten die Sänger aber zur Freude des Publikums, wie man mit beiden Liedern gleichzeitig gesungen dennoch harmonieren kann.
Vor der Andreasmahlzeit, bestehend aus Weck und Worscht, stand noch der Vortrag von Christian Setzepfandt an. Der begann gleich mit einem den Mund wässerig machenden Unort: der Frankfurter Schirn. Heute der Name der Kunsthalle, war das früher ein Marktplatz der Würstemacher. „Der Name kommt wohl aus dem Italienischen, aus Scrana wurde Schramen und schließlich Schirn“, beschrieb Setzepfandt die Namenswandlungen.
Über den Platz „OK“, was beileibe keine Widmung für die Offenbacher Kickers sei, sondern für „Ochsenküche“ stehe, führte Setzepfandt die Gäste weiter: Zum „Nest“, also dem Stadion der Frankfurter Eintracht und weiter zum Geburtsort von Andreas Möller – in die „Bronx von Frankfurt“, also nach Sossenheim.
Die interessante Reise zu den Unorten endete an einer unscheinbaren Tür, die sich nur öffnete, wenn man das Codewort „Rebecca“ wusste – dahinter empfing die „Nitribitt“ ihre besonderen Gäste. Und mit welcher humorvollen Beschreibung schlug der Frankfurter Stadtführer und Autor dann die Brücke zum normalen Mann? „Reiche Männer: Champagner, Kaviar – Nitribitt!“ und „arme Männer: Ebbelwoi, Handkäs – Mutti!“

 

 

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