Bilder erzählen von der Jugend am Main

Willi Höhlers Zeichnungen und Gemälde zeigen wie es früher war in Kelsterbach

DIE WINDMÜHLE war für Willi Höhler ein „Wunderwerk“. (Foto: Postl)

Kelsterbach. Erinnerungen an das Kelsterbach seiner Jugend hat Willi Höhler in Zeichnungen und Malereien festgehalten. „Kelsterbacher Bilder“ schrieb er auf einige seiner Werke und so lautet auch der Titel der Sonderausstellung, die derzeit im Kelsterbacher Stadtmuseum zu sehen ist. „Diese Bilder sind keine gezeichneten Momentaufnahmen, sondern sie erzählen Geschichten“, steht auf der Einladung.

Initiiert hat die Ausstellung Karl Schmiedt, Vorstandsmitglied des Volksbildungswerks. „Ich habe mal zwei Bilder von Kelsterbach mit der Signatur von Willi Höhler gesehen. Über Gerhard Höhler, den Bruder des Malers, kam dann der Kontakt zustande. „Ich war sofort begeistert von der Detailgenauigkeit, mit der die Motive gemalt waren. Zudem sind es ja Kelsterbacher Motive – die sollten möglichst viele sehen“, so Karl Schmiedt begeistert. Zusammen mit Pfarrer Joachim Bremer hat er Informationen zu den Bildern zusammengestellt.
„Ich habe schon als Bub immer gerne gemalt, vor allem alles, was mit Eisenbahn zu tun hatte“, meint der heute 77-Jährige. „Dort newe der Kersch bin ich gebor’n wor’n“, zeigt Höhler auf das erste Haus in der Schulstraße, in dem er 1938 das Licht der Welt erblickte. Damals war er viel unterwegs, vor allem der Main und alles, was sich darauf abspielte, war ein besonderer Anziehungspunkt seiner Jugend. „Ich habe noch alles so im Kopf, als wäre es erst gestern gewesen. Das hilft mir beim Malen“, erzählt Willi Höhler.
Von 1970 bis 1996 arbeitete und lebte er mit seiner Frau Lieselotte und den beiden Töchtern im Umspannwerk der RWE, wo heute der Aufsetzpunkt für Flugzeuge auf der Landebahn Nordwest ist. Nachdem er in den Vorruhestand ging, verabschiedete sich Willi Höhler aus Kelsterbach und zog nach Seelbach bei Marburg. Aber er kommt immer wieder gerne in seine Heimatstadt zurück, um Erinnerungen aufzufrischen. „Wenn man Leute trifft dann weiß jeder was zu erzählen – so wie heute auch“, freute sich Höhler am Sonntagnachmittag über viele Begegnungen.
Die vom Volksbildungswerk organisierte Ausstellung „Kelsterbacher Bilder“ zeigt rund 15 Originale. Vor rund zehn Jahren begann Willi Höhler seine Jugenderinnerungen mit dem Bleistift zu zeichnen oder mit Wasserfarben zu malen – je nach Motiv.
In einer Bleistiftzeichnung hat er festgehalten, wie eine Frau auf dem Main im Eis einbricht. „Das war eine schlimme Sache aber die ist dann doch glimpflich ausgegangen“, erinnert sich Willi Höhl an das Unglück. Die ältere Frau, die fast jeden Tag von Sindlingen zu ihrer Tochter nach Kelsterbach kam, habe den zugefrorenen Main überqueren wollen. „Kurz vorher ist der Eisbrecher durchgefahren, aber die Schollen sind schnell wieder aneinander gefroren, das hatte die Frau nicht bemerkt. Der Fährmann und ein Sanitäter waren schnell mit zwei Leitern da, die haben die Frau dann mit einem Strick herausgezogen und die Amerikaner haben sie gleich in ihr Casino mitgenommen. Dort hat man sie trocken gerieben, ihr einen Whiskey gegeben – und sie hat nicht mal einen Schnupfen gehabt“, erinnert sich Willi Höhl.
Das war am Heiligen Abend 1945. Willi Höhler hatte gerade einen Kuchen zur Bäckerei Möser gebracht, um in dort backen zu lassen, so wie das früher der Fall war.
Ein anderes Bild zeigt die Flak-Stellung im Süden von Kelsterbach. „Ich bin da mal in die Nähe gekommen und habe gesehen, wie zwei Soldaten im Drillich eine große Milchkanne in die Häuser gebracht haben, ein Wachsoldat hat sie begleitet“, erzählt Höhler. Alle diese Details, auch der riesige Scheinwerfer der Flugabwehrstellung im Gewann Heidenrain sind zu sehen.
Ein Motiv Höhlers ist auch die Windmühle auf der Kelsterbacher Höhe, den Windmühlweg gibt es heute noch. „Sie war schon von ganz weit zu sehen. Für uns war es ein technisches Wunderwerk“, berichtet der Hobby-Maler. Eines Tages kam die Frau des Müllers mit ihren Haaren in das Räderwerk der Mühle und fand den Tod. Daraufhin gab der Müller seine Windmühle auf, erzählt Höhler alte Geschichten.
Weitere „Kelsterbacher Bilder“ zeigen die Zuckerrübenverladung am Klaraberg sowie die Sandverladung von der Kiesgrube Willersinn in die Schiffe auf dem Main. „Im Herbst war ich immer mit meinem Bruder auf den Äckern vom Hofgut Klaraberg und wir haben Kartoffeln gestoppelt – da kam immer ganz schön was zusammen“, verrät Willi Höhler.
Auch ein Zugunglück verarbeitete Willi Höhler mit einem Bild. Der Sommer 1960 war sehr heiß und an den Weichen am Bahnhof hatten sich die Schienen verschoben, weshalb ein Zug aus den Gleisen sprang und umkippte. „Ich war gerade mit dem Fahrrad unterwegs und bin über den Bahnübergang gefahren, da habe ich die Bescherung gesehen“, so Höhler.
Die Ausstellung ist noch bis zum 11. März immer sonntags von 11 bis 17 Uhr oder nach Absprache zu sehen. (pos)

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